Ist billiger auch immer schlechter? – Stichwort indische Entwickler

Es ist immer wieder interessant Aussagen in Foren und anderen Orten im Internet zu lesen wie “Billig kann teuer werden” oder “Billig ist nicht gleich günstig”. Besonders im Zusammenhang mit indischen Entwicklern ist dies oft zu hören.

Da diese offensichtlich ein geringeres Gehalt bekommen, sind diese natürlich auch schlechter in dem was sie tun.

Oder doch nicht?

In den letzten 4 Jahren, seit dem ich YUHIRO aufgebaut habe ist mir einiges aufgefallen. Es gibt einige Unternehmer aus Deutschland, die ihre Softwareprodukte komplett in Indien programmieren lassen haben.

Diese Leute sind heute zum Grossteil Millionäre (obwohl, darum sollte es hier nicht unbedingt gehen, zeigt aber wie erfolgreich diese Personen sind).

Ein Beispiel ist zum Beispiel der Gründer von Co-Layer (aus der Schweiz). Er hat in Indien ein Softwareentwicklungsteam aufgebaut. Im Video sagt er mehr dazu.

Bei der Einstellung der Entwickler war er nicht begeistert.

Jedoch hat er nach zirka jeweils 6 Monaten gemerkt. Wow, die Leute sind ja richtig lernfähig.

Ja, Inder sind lernfähig

Auch meiner Erfahrung nach sind indische Entwickler sehr flexibel, wenn es darum geht, neue Ansätze, Methoden, etc. anzunehmen. Auch Qualitätsstandards sind nicht immer fix, wenn es bessere Wege gibt, dann ist man bereit diese anzunehmen.

Ein weiteres Beispiel ist die Firma PIT Solutions in Trivandrum, Südindien. Auch hier hat sich ein Gründer überlegt, wie er ein Team in Indien aufbauen könnte. Innerhalb weniger Jahre hat er ein Team mit mehr als 200 Mitarbeitern aufgebaut. Bemerkenswert ist auch die Qualität, welche die Firma liefert. Unter anderem werden Firmen wie SAP und Audi mit Softwarelösungen beliefert.

Warum dann der schlechte Ruf?

Gute Frage. Darauf habe ich keine hundert Prozentig sichere Antwort.

Es scheint so zu sein, dass unter anderem viele Gründer den Indien Schritt wagen und dann scheitern. Das liegt auch daran, dass hier dann oftmals zu kurzfristig gedacht wird, und man denkt, dass die indischen Entwickler, die deutschen Standards, in wenigen Stunden oder Tagen verstehen.

Meistens haben die Entwickler für amerikanische oder englisch-sprachige Projekte gearbeitet und haben daher ein anderes Verständnis zum Thema Qualität und auch anderen Feinheiten.

Die enttäuschten Gründer machen ihrem Frust dann meistens in Internetforen und anderen Stellen Gehör. Dies scheint auch zum schlechten Ruf von indischen Programmierern beizutragen.

Meine eigenen Erfahrungen

Auch ich habe bereits einige Entwickler für Kunden aus Deutschland in unserer Niederlassung(en) eingestellt.
Besonders war auch, dass die Endkunden, für welche die Entwickler dann tätsächlich gearbeitet haben, meistens Grossunternehmen waren, welche die meisten der Leser dieses Textes kennen sollten. Unter anderem grosse Handelsunternehmen und Automobilhersteller.

Ein Projekt läuft jetzt schon seit einigen Jahren erfolgreich.

Staunen beim Lesen von Lebensläufen

Bei der Einstellung der Entwickler bin ich sehr stark eingebunden. Fast alle Bewerber werden durch mich als ersten angesprochen. Auch die Auswahl davor wird, zum Grossteil, von mir getroffen.

Was mich immer wieder erstaunt ist, für welche Kunden diese Entwickler arbeiten. Meistens handelt es sich um Grosskonzerne. Alle sind dabei, von BMW, über KPMG bis hin zu bekannten mittelständischen Unternehmen.

Auch bewundernswert ist, dass die Engagements auf den Lebensläufen nicht kurz sind. Meistens arbeiten die Entwickler schon seit Jahren für die gleichen Firmen, was wiederum bedeutet, dass es dann doch nicht so schlecht laufen kann.

Erfahrungen von Kunden

Viele Kunden mit denen ich spreche habe natürlich auch ihre Meinung zu indischen Entwicklern. In einem zuletzt geführten Gespräch meinte ein IT Leiter eines mittelständischen Unternehmens, dass er gute Erfahrungen mit indischen Entwicklern gemacht hätte, jedoch könne man es natürlich nicht mit einem High Potential aus Deutschland vergleichen. Aber die Arbeit hat soweit gepasst.

Andere Kunden haben auch positive Kunden gemacht. Zum Beispiel ist da der Kunde der bereits ein Team in Indien beschäftigt, aber nicht zufrieden mit den Konditionen der Anbieterfirma ist.

Oder der Gründer der in seiner früheren Position Teams in Indien geleitet hat und damit positive Erfahrungen gesammelt hat. (Leider ist er dann kein Kunde von uns geworden, da dass Budget fehlte)

Schlechte Erfahrungen

Woher kommen also diese ganzen schlechten Meinungen über indische Entwickler?

Ich denke es hat viel damit zu tun, dass sich die Anfangsphase mit indischen Entwicklern jeweils immer sehr schwierig gestaltet. Zu Anfang wird man noch das Gefühl haben,

  • dass es sich um eine “ganz” andere Kultur handelt
  • dass es Kommunikationsschwierigkeiten gibt
  • dass die Zusammenarbeit nicht funktioniert
  • dass die Qualität niedrig ist
  • dass die Entwickler nicht ehrlich sind
  • etc. etc.

Nur wenn man sich die Zeit nimmt, kann man die oben genannten Zweifel aus Welt räumen.

Denn:

  • Die Kultur unterscheidet sich kaum noch: Der indische Entwickler nutzt iPhone, die neuesten Apps wie Whatsapp, schaut sich Hollywood Filme an, hört amerikanische Lieder, isst bei McDonalds (liebevoll McD genannt), die Liste lässt sich beliebig fortsetzen
  • Die Kommunikation funktioniert: Mit der Zeit wird man die Feinheiten der Sprache von indischen Entwicklern verstehen. Zum Beispiel ist das “Nein” in Indien verpönt, daher muss man hier etwas anders kommunizieren. (Dazu werde ich in Zukunft mehr schreiben)
  • Die Zusammenarbeit funktioniert: Oftmals dauert es etwas, bis das Team in Indien verstanden hat, was denn eigentlich der Kunde in Deutschland möchte. Diese werden versuchen sich den Umständen anzupassen. Das kann halt schon etwas dauern. Vielleicht ein paar Monate, dass Warten lohnt sich jedoch.
  • Die Qualität ist gut: Auch hier. Der Kunde, oder das Team in Deutschland, sollte kommunizieren, was Qualität für sie bedeutet, dann kann sich das Team in Indien mit der Zeit daran orientieren. Meistens haben die Entwickler aus ihren vorherigen Jobs nicht so hohe Anforderungen an die Qualität gehabt, und haben beim Einstieg einfach noch die alten Herangehensweisen aus der vorherigen Stelle.
  • Die Entwickler sind ehrlich: Hier kommt es natürlich auch auf den Einstellungsprozess an. Man sollte grundsätzlich auch einen hohen Fokus darauf haben, ehrliche Leute einzustellen. Die meisten Entwickler sind jedoch meiner Meinung nach ehrlich. Dies liegt auch daran, weil die meisten aus mittelständischen Familien kommen, die meistens ein sehr starkes Wertegerüst haben.

Was ist denn nun, ist billiger jetzt nun schlechter oder kann es auch gut sein?

Schauen wir uns mal um.

Google ist die beste Suchmaschine in der Welt, und sie ist kostenlos. Ich habe bereits in Grossunternehmen gearbeitet und habe noch keine interne Suchmaschine gesehen, welche Ansatzweise besser oder gleich gut waren wie Google. Gleichzeitig haben diese internen Suchmaschinen womöglich mehrere Millionen Euro in der Implementierung gekostet.

Trello ist ein anderes Beispiel. Ein, meiner Meinung nach gutes Projektmanagement Tool, welches kostenfrei ist. Die kostenpflichtige Variante wäre Basecamp. Sicherlich auch gut, kostet aber.

Oder die ganzen China-Produkte. Heutzutage werden fast alle elektronischen Güter und Kleinwaren dort hergestellt. Bei der Qualität kann man diese kaum noch, von denen aus Europa oder Amerika unterscheiden, bei wesentlich günstigeren Preisen.

Also meiner Meinung nach: Billiger muss nicht immer schlechter sein. Ganz im Gegenteil, billig kann manchmal die Lösung sein, um finanziellen Erfolg zu haben.

Aber warum sind dann indische Entwickler billiger. Doch weil sie schlechter sind, oder?

Der Preis einer Dienstleistung oder in diesem Fall das Gehalt eines Entwicklers in Indien wird auch vom Angebot und der Nachfrage beeinflusst.

Es gibt zum Beispiel sehr viele .NET und PHP Entwickler in Indien. Gleichzeitig auch viele Unternehmen, welche diese Entwickler brauchen. Somit entsteht ein Gehalt, dass eher gering ist, zudem was zum Beispiel in Deutschland herrscht.

Auch muss bedacht werden, dass die Lebenshaltungskosten in Indien um einiges geringer sind als in Deutschland. Daher wird ein sehr guter indischer Programmierer auch mit 1500 Euro im Monat zufrieden sein, auch wenn er in den USA, sagen wir mal 6000 Euro und mehr im Monat verdienen könnte. (Auch hat das damit zu tun, dass Familie einen sehr hohen Stellenwert hat, daher würden die wenigsten einen Schritt ins Ausland machen, auch wenn sie das könnten, wenn sie denn wollten)

Wann wird sich die Meinung ändern?

Die Frage ist also auch: Wann wird sich die Meinung in Deutschland ändern?

Die Antwort: Eventuell wenn es bereits zu spät ist?

Unternehmen aus den englischsprachigen Ländern wie Google, Microsoft und Accenture beschäftigen bereits mehrere Zehntausend Entwickler auf dem Subkontinent.

Auch Klein- und Mittelständische Unternehmen im englischsprachigen Raum, machen massivst Gebrauch von Dienstleistungen von indischen IT Unternehmen.

Sie glauben mir nicht?

Kommen Sie für ein zwei Monate nach Indien und besuchen, auch kleinere Städte, und schauen, wieviele IT Unternehmen es dort gibt, und wer deren Kunden sind.

Es gibt hier Unternehmen, die sich zum Teil nur auf Startups und Unternehmen aus England und Australien fokussieren und mehr als 60 Mitarbeiter beschäftigen. Das Unternehmen zum Beispiel ist in einer sehr kleinen Stadt in Indien angesiedelt. Die zwei Gründer der Firma sind gerade mal ungefähr 28 Jahre alt. Die Nachfrage ist also enorm

Auch interessant:

Die Gehälter in englischsprachigen Ländern für Softwareentwickler sind höher als in Deutschland, obwohl soviel nach Indien outgesourced wird.

Oder gerade “weil” soviel outgesourced wird?

Durch die zusätzlichen Entwicklerkapazitäten, welche den englischsprachigen Ländern, zu Verfügung stehen, können Innovationen, neue Produkte und Dienstleistungen schneller programmiert und Kunden bereitgestellt werden. Dadurch ergibt sich ein enormer Wettbewerbsvorteil.

Schauen wir mal nach Deutschland. Viele erfolgreiche Mittelständler finden kaum Entwickler. Von Unternehmen aus München ist mir bekannt, dass die Anwerbung von Entwicklern fast unmöglich geworden ist. Es finden sich einfach keine Leute.

Dann wird, oft aus Not heraus, der Indien-Schritt gewagt.

Aber langt es, einfach nach Indien zu gehen?

Die mittelständischen Unternehmen in Deutschland wissen, dass sie etwas tun müssen. Und versuchen es dann auch mal mit Indien.

Was jedoch vergessen wird: Ein Indien Engagement kann nur klappen wenn alle Stakeholder (Entwicklungsleiter, IT Leiter, Management, Mitarbeiter) eingebunden sind und überzeugt sind, dass dies der richtige Weg ist und langfristig zum Erfolg führen kann.

Meine Prognose:

Deutschland wir in massivste Probleme geraten, wenn es in einem so wichtigen Bereich wie der Digitalisierung der Gesellschaft nicht mit anderen Ländern Schritt halten kann.

Noch ist alles in Ordnung und es läuft rund. Bei Nokia war das jedoch auch vor einigen Jahren der Fall, wo es noch das Weltgrösste Handyunternehmen war. Heute ist das Unternehmen bereits obsolet, weil Zukunftstrends verschlafen wurden.

So ein Trend ist Indien. Es ist nicht mehr nur eine Billig-Entwickler Bude, sondern kann sehr gute Leistungen erbringen und macht dies – derzeit noch – nicht aus dem Konkurrenz-Gedanken heraus, sondern um ihre Partner im Ausland mit qualitativ hochwertigen Dienstleistungen zu vorsorgen.

Schlusswort und Gedanken zum Thema “Billiger gleich schlechter”

Es ist oftmals schwer von alten Gedankenmustern loszulassen und sich einer komplett neuen Weltordnung entgegenzustellen und diese neuen Gegebenheiten in die eigenen Wege einzuarbeiten.

Besonders Deutschland hatte das jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft. Unbeirrt wurde das Land von neuem aufgebaut. Eine neue Weltordnung wurde akzeptiert und man hat es, in relativ kurzer Zeit geschafft, wieder aus der Asche emporzusteigen.

Auch heute stehen wir wieder vor den gleichen Herausforderungen wie vor einigen Jahrzehnten. Bankensysteme versagen, ganze Länder gehen Bankrott, Deutschland muss für fast alle europäischen Länder als “Zahlungspartner” gerade stehen und gleichzeitig gibt es eine immer grösser werdende Konkurrenz aus Asien. Hungrige Asiaten (nicht im Sinne des Wortes) welche nach dem gleichen Wohlstand streben und sich beweisen wollen.

Diese nach Wohlstand strebenden Asiaten kann man nun als Konkurrenz betrachten, oder als grosse Chance. Derzeit sind die Gehälter und Eintrittsbarrieren noch gering. Mit wenig Aufwand kann man dort ganze Entwicklerteams, Mitarbeiter einstellen und Kapazitäten schaffen. Gleichzeitig entstehen dort sehr interessante Märkte, welche man mit den eigenen Produkten bedienen kann.

Hinweis: Die Japaner haben das bereits bemerkt. In Indien haben die japanischen Automobilhersteller bereits den grössten Marktanteil, nur weit abgeschlagen folgen Automobilhersteller aus Deutschland.

Es ist die Zeit gekommen zum Umdenken. Chancen erkennen und danach handeln lautet die heutige Devise.

Was ist Eure Meinung zum Thema?

Bilder: YUHIRO


Der Autor: Sascha Thattil arbeitet bei YUHIRO und hilft Unternehmern und Unternehmen beim einfachen Aufbau von Programmier-Teams in Indien. YUHIRO ist ein deutsch-indisches Unternehmen welches IT Firmen, Agenturen und IT Abteilungen Softwareentwickler bereitstellt.

2 Kommentare
  1. Dieses Ausbeuteprinzip funktioniert nur so gut, eben weil sich Indische Entwickler mit nur 1500 Euro zufrieden geben.

    Würden diese genauso viel verlangen, wie Entwickler in den USA, wäre es mit der Ausbeutung etwas ziemlich schwerer.

    Ein Land wird reich auf Kosten von „ärmeren“ Ländern…

    • Hallo Herr Schulz,

      Danke für Ihren Kommentar.

      Die genannten 1500 Euro sind, für indische Verhältnisse, viel Geld.

      Man kann damit eine Hausangestellte haben. Ein gutes bis sehr gutes Auto fahren. Sich eine überdurchschnittlich gute Wohnung mieten. Viel unternehmen und auch sonst gehört man mit diesem Gehalt zur Top Einkommensklasse auf dem Subkontinent.

      Daher kann man hier von einer Win-Win Situation sprechen. Besonders Länder wie Deutschland brauchen dringend mehr Entwickler, um im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben. Wenn wir uns die meisten Online Plattformen und Systeme anschauen, dann kommt fast alles aus Übersee. Google, Facebook, Amazon, PayPal, sind nur wenige von vielen Beispielen. Das liegt auch daran, dass besonders in den USA, starker Gebrauch von indischen Entwicklern gemacht wird.

      Firmen wie Amazon erkennen zudem die neuen Geschäftsmöglichkeiten in Ländern wie Indien. Amazon hat bereits mehrere Hundert Millionen Dollar in seine Indien Expansion investiert. Nach unbestätigten Berichten zufolge sollen dort in den nächsten Jahren 5 Milliarden Dollar investiert werden.

      Meiner Meinung nach benötigt es hier mehr Aufklärungsbedarf. Es muss klar werden, dass der globale Wettbewerb nicht auf Besitzstandsansprüche Rücksicht nimmt. Jedes Land muss sich diesem Wettbewerb stellen und von den Vorteilen des jeweils anderen Landes Gebrauch machen. Dabei sollten alle zu Gewinnern gehören. Ein Land sollte definitiv nicht mehr profitieren, als das ein anderes tut. Da bin ich ganz Ihrer Meinung.

      Danke nochmals für den Kommentar.

      Freundliche Grüsse
      Sascha Thattil

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